15.04.2020

Homeschooling Einspunktnull

Wie wir den Schulbetrieb in der Corona-Krise gestaltet haben

Es hat uns kalt erwischt! Ohne Vorbereitung und ohne Vorwarnung waren wir, genau wie alle anderen Schulen in Deutschland, ab Mitte März auf einmal gezwungen unsere Schüler*innen zu Hause zu beschulen. Von jetzt auf gleich waren sämtliche Schulen der Republik geschlossen beziehungsweise nur noch für die Notbetreuung und in Hessen für die schriftlichen Abitur-Prüfungen geöffnet.

Ein einziges Treffen – im großen Saal mit gebührenden 2 Metern Abstand zwischen den Teilnehmer*innen – konnten wir am Montag nach dem Regierungsbeschluss der Schulschließungen noch abhalten. Zum Glück hatten wir bereits im Februar, nach Auftreten der ersten Coranafälle in Deutschland, ein Krisenteam gebildet und verschiedene, ortsungebundene Kommunikationskanäle geschaffen. Auch war unser Krisenteam am Freitagabend, nach der Pressekonferenz der Landesregierung, noch ein paar Stunden im Haus, um die notwendigen Maßnahmen und wichtigsten Schritte zur Aufrechterhaltung des Unterrichts außerhalb der Schule und zur Kommunikation der Schulschließung an Eltern und Lehrer*innen vorzubereiten und alle Informationen auf die Homepage zu stellen. Bei der montäglichen Zusammenkunft konnten somit auch zügig die wichtigsten Maßnahmen besprochen werden, vor allem ging es darum die Kommunikationswege zwischen Lehrkräften, Schüler*innen und Eltern festzulegen.

Mit diesen Maßgaben als einziger Festlegung verabschiedeten wir uns und jeder verschwand vorerst auf unabsehbare Zeit ins „Homeoffice“, um die Unterrichtsgestaltung für zu Hause vorzubereiten.

Es entstand also eine große Bandbreite bei unserem Homeschooling-Angebot. Jeder nutzte die ihm vertrauten und zugänglichen Kommunikationskanäle und sorgte dafür, dass die Schüler*innen mit allen notwendigen Lernmaterialien ausgestattet wurden.

Natürlich mussten wir zunächst sicherstellen, dass vor allem die Inhalte der Hauptfächer bzw. der jeweiligen Epochen vermittelt werden, aber uns war auch wichtig, dass die Schüler*innen Aufgaben oder zumindest Angebote aus den handwerklich-künstlerischen Fächern und vom Sportunterricht erhalten.

Die meisten Unterrichtsmaterialien wurden in Form von Arbeitsblättern mit Aufgaben und Arbeitsplan per E-Mail verschickt. Es gab aber – vor allem für die jüngeren Schüler*innen – auch Briefpost mit allen Lernmaterialien, die für eine Woche benötigt wurden. Einige Lehrer*innen nahmen YouTube oder Vimeo Tutorials auf und schickten sie an ihre Schüler*innen, andere nutzten verschiedene Video-Plattformen, um einzelne Unterrichtseinheiten abzuhalten und eine Kollegin programmierte sogar flugs eine eigene Homepage und stellte ihren Schüler*innen dort alle Unterrichtsmaterialien inklusive Erklärvideos zur Verfügung.

In den allermeisten Fällen lief dieser spontane Homeschooling-Einsatz reibungslos und unkompliziert ab. Allerdings waren in den jüngeren Jahrgängen die Eltern häufig sehr gefordert. Für sie hieß es die Aufgabenpakete zu verteilen, auszudrucken und das Arbeitspensum einzuteilen, häufig waren sie später dann auch noch mit der Kontrolle der Aufgaben befasst. Besonders für berufstätige Eltern im Homeoffice waren diese Wochen eine große Herausforderung!

Für die älteren Jahrgänge war die Zeit des Homeschoolings eine gute Übung in selbstorganisiertem Lernen: Was mache ich wann, wie konzentriert kann ich alleine arbeiten, wie schaffe ich das Aufgabenpensum, wie und wo finde ich Hilfe? Waren nur einige Hürden, die es zu nehmen galt.

Besonders in der Oberstufe liefen aber auch einige Unterrichtseinheiten online in Videostreaming-Portalen. Hier konnte man endlich mal wieder live und in Echtzeit miteinander interagieren und Fragen stellen und direkten Austausch miteinander gehen. Etwas, das die meisten doch ziemlich vermisst hatten in der Zeit des Homeschoolings.

Einige Beispiele aus der Unterrichts-Praxis der letzten drei Wochen sollen hier schlaglichtartig illustrieren, was in verschiedenen Fächern und Jahrgängen für Angebote von unseren Lehrkräften geschaffen wurden.

Geschichtsunterricht in der Oberstufe
Der Geschichtsunterricht der Oberstufe konnte nach waldorfpädagogischen Gesichtspunkten weitgehend dreigliedrig gestaltet werden. Der Schlussteil erfolgte meist über eine lehrerzentrierte Präsentation z.B. einer Schlüsselquelle, die in das Thema einführte oder dieses vertiefte. In der Urteilsphase wurde von den Schüler*innen selbständige Arbeit erwartet, entweder anhand der Auswertung von Quellenmaterial, das als PDF versendet wurde, oder über Rechercheaufträge im Internet. Dabei mussten sich die Schüler*innen auch untereinander über ihre eigenen Kommunikationskanäle organisieren und austauschen, wodurch in Ansätzen eine Gruppenarbeit erfolgen konnte. Der abschließende Begriffsteil, in welchem Themen abgeschlossen und Transferaufgaben gelöst werden, wurde per Skypekonferenz abgehalten. Dieses Vorgehen ermöglichte über die drei Wochen einen engen Austausch mit den Schülern und Schülerinnen und bot die Chance über interaktive Tools Fragen sofort zu beantworten, so dass trotz des fehlenden Klassenraums ein guter Überblick über die Lernfortschritte der einzelnen Schüler*innen gewährleistet werden konnte. 

Werkunterricht
Passend zur Saison gab es eine Osterhasen-Schnitzanleitung aus dem Werkunterricht, die die Werklehrerin Nicole Hilbert an ihre 5. Klasse verschickt hatte. Wir haben sie auf unsere  Homepage gestellt (unter Aktuelles).

Handarbeitsunterricht
Für den Handarbeitsunterricht ihrer Schüler*innen der Klassen 4, 5A und 6B hat Yvonne von Rotsmann Stickgarn mit nach Hause genommen und eine Farbtabelle per Mail an die Eltern geschickt. Aus diesem Angebot konnten sich Schüler*innen und Eltern dann Garn aussuchen und bekamen ihre Auswahl dann per Post von der Lehrerin zugeschickt. Dieses Angebot wurde von allen sehr gerne angenommen.

Mathematik in der Oberstufe
Als technisch besonders versiert entpuppte sich unsere Mathematiklehrerin Susanne Stein: sie programmierte eine Mathematik-Homepage für ihre Schüer*innen mit Log-In-Bereichen, Erklär-Videos und einem Online-Quiz: Mathe mit Frau (Ein)Stein. Einen Artikel über dieses außergewöhnliche Lern-Angebot stand in der Wetterauer Zeitung (vom 10.04.2020). https://www.wetterauer-zeitung.de/wetterau/bad-nauheim-ort78877/online-lernen-frau-stein-13647417.html

Unser Dank gilt allen Lehrer*innen unserer Schule. Es gelang ihnen die große Herausforderung zu meistern, ihre Schüler*innen so mit Lernmaterialien zu versorgen, dass der Unterricht fast lückenlos über das Kontaktverbot fortgesetzt werden konnte. Auch eine Anknüpfung an diese drei Wochen vor den Osterferien ist in allen Fällen vorbereitet.

Sollte es nach den Osterferien bei den Schulschließungen bleiben, möchten wir möglichst schnell unsere Lernplattform in Betrieb nehmen. Hier ist der Austausch von Unterrichtsmaterialien, die gemeinsame Bearbeitung von Dokumenten, die direkte Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schüler*innen einfach, unkompliziert und vor allem ohne den Dauereinsatz der Eltern möglich. Wir arbeiten derzeit an der Installation und der schrittweisen Einarbeitung des Kollegiums. Eine weitere Herausforderung in Zeiten rein virtueller Kommunikation und Interaktion! Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass uns die Einführung zügig gelingt, denn die Möglichkeit, die Unterrichtsgestaltung zu vereinfachen und die Kommunikation zu vereinheitlichen, ist uns ein großes Anliegen und die vergangenen Wochen haben uns allen deutlich gemacht, wie hilfreich und notwendig eine solche Möglichkeit sein kann.

 




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